47. Verleihung des Theodor Heuss Preises
Am Samstag, den 28. April 2012, fand in Stuttgart die 47. Theodor Heuss Preisverleihung unter dem Jahresthema „Bildung - Teilhabe - lebendige Demokratie" statt. Die Reden anlässlich der Verleihung finden Sie, soweit sie uns vorliegen, im Anschluss.
Begrüßung
Ludwig Theodor Heuss
Vorsitzender der Theodor Heuss Stiftung
Ludwig Theodor Heuss
Vorsitzender der Theodor Heuss Stiftung
Sehr verehrte Preis- und Medaillenempfänger,
sehr geehrte Frau Ministerin Schavan,
sehr geehrte Frau Ministerin Öney,
sehr geehrter Herr Staatssekretär,
lieber Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Abgeordente des Bundestags, sehr geehrte Mitglieder der Landtage und Vertreter der Kommunen, liebe Mitglieder von Vorstand und Kuratorium und Freunde und Förderer der Theodor Heuss Stiftung,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich freue mich sehr, Sie zur heutigen Feierstunde anlässlich der 47. Verleihung des Theodor Heuss Preises hier in Stuttgart willkommen heißen zu dürfen.
An erster Stelle wollte ich nun unseren diesjährigen Preisträger, Prof. Wolfgang Edelstein begrüßen - sie hören den Konjunktiv -, leider musste er seine Teilnahme an der heutigen Veranstaltung kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen. Wir bedauern dies alle sehr und senden ihm von dieser Stelle die besten Gedanken und Genesungswünsche nach Berlin. Ich freue mich aber sehr, dass an seiner Stelle heute seine Ehefrau Prof. Dr. Monika Keller-Edelstein und seine beiden Kinder Anna Lilja und Benjamin Edelstein, alle ebenfalls im Bildungsbereich tätig und versiert, unter uns sind und die die Urkunde stellvertretend in Empfang nehmen werden. Herzlich Willkommen.
Ich begrüße herzlich die Empfänger der Theodor Heuss Medaillen:
den Soziologen und Bildungsforscher Prof. Lothar Krappmann, der sich für das Recht der Kinder auf Bildung und insbesondere für die Rechte von Flüchtlings- und Migrantenkindern einsetzt. Herzlcih Willkommen. Ich begrüße die Vertreter der Anti-Bias-Werkstatt, Katharina Dietrich und Danijela Cenan, einer Initiative, die sich durch ihre vorbildliche, antidiskriminierende Bildungsarbeit hervorhebt. Herzlich Willkommen. Und ich begrüße die Vertreter des Netzwerkes „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", Sanem Kleff und Eberhard Seidel. Herzlich Willkommen auch Ihnen
Und noch ein weiterer Stuhl bleibt leider frei heute Vormittag, Dr. Reinhard Erös, der gemeinsam mit seiner Familie die Initiative Kinderhilfe Afghanistan e.V. gegründet hat und sich seither erfolgreich unter anderem dem Bau und Betreiben von Schulen, Waisenhäusern und Krankenstationen widmet, sah sich offensichtlich kurzfristig außer Stande, die Medaille entgegen zu nehmen. Wir bedauern dies und werden sie ihm in absentia zuerkennen.
Ein herzlicher Gruß und Dank gilt Ihnen Frau Ministerin Schavan, dass Sie sich bereit erklärt haben zur Thematik unserer heutigen Veranstaltung zu sprechen. Wir freuen uns auf Ihren Vortrag.
Im Anschluss an die Ansprache des Preisträgers, die wir als Videobotschaft vermitteln werden, werden Sie, liebe Gesine Schwan, Vorsitzende des Kuratoriums unserer Stiftung eine Podiumsdiskussion mit den Medaillenempfängern führen. Herzlich Willkommen und herzlichen Dank, dass Sie diese Aufgabe übernommen haben.
Und schliesslich darf ich meinen Vorstandskollegen Christian Petry, seit Jahren wichtiger Impuls- und Ideengeber unserer kleinen Stiftung ganz herzlich begrüssen. Vielen Dank, dass Du diesmal den Part des Schlusswortes übernommen hast.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
im Herbst des Jahres 1919 schrieb Theodor Heuss, damals gerade seit kurzer Zeit wieder in Berlin ansässig, an einer kleinen Schrift mit dem Titel „Die neue Demokratie". Sie entstand gewissermassen gleichzeitig während in Versailles die Friedenskonferenzen stattfanden und die Beschlüsse gefasst wurden, die den weiteren Verlauf des Jahrhunderts prägen würden. Das kleine, an eine breite Leserschaft gerichtete Buch sollte nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung mithelfen den Boden zu bereiten und Verständnis für und Zuwendung zur neuen Staatsform schaffen. Es enthielt Ausführungen zu den Quellen der Demokratie, zu Staatsaufbau, Verwaltung, Wirtschaft und auswärtige Politik, und schliesslich ein letztes Kapitel, das eindringlich auf die Notwendigkeit hinwies die Demokratie nicht nur als ein abstraktes Regelwerk der Herrschaftsausübung zu verstehen, sondern als Wertmaxime des täglichen Lebens. Dieses Kapitel trug die Überschrift: Demokratie als Lebensform.
In altertümlich anmutender Diktion formuliert er hier: „Das Problem der Demokratie wird mit der Anerkenntnis der Rechtsformen nicht abgeschlossen. Politisch rechtliche Änderung wird auf die Dauer versagen, wenn nicht ihre Auswirkung von den tiefen, unmittelbaren Lebenskräften des Volkes gespeist wird. In dieser Ebene liegen die Antworten der deutschen Zukunft. Nämlich: in wieweit die Deutschen ihre neuen staatlichen Formen geistig und seelisch ausfüllen?" Er spricht im weiteren von der, wie er es nennt „Eigengesetzlichkeit des Dynamischen, das stärker sei als das Formale", um mit der Feststellung zu schliessen: „Die Demokratie wird dann gefestigt sein, wenn für die Deutschen ein freies und tapferes Menschentum nicht mehr Ideologie, nicht mehr literarische Erfindung geblieben, sondern die Selbstverständlichkeit der täglichen Erfahrung geworden ist."
Demokratie als Lebensform. Das war im Jahr 1919 und meines Wissens das erste Mal dass Heuss diese Formulierung in seinen Schriften gebrauchte. Dreissig Jahre später, nach Scheitern, Diktatur und Wiederbegründung der Demokratie blieb die Formulierung von der „Demokratie als Lebensform" ein von ihm vielfach wiederverwendeter Topos, immer verbunden mit der Sorge um die langfristige, im heutigen Sprachgebrauch nachhaltige Verwurzelung demokratischer Haltung und Gesinnung in unserer Gesellschaft.
In der Fortführung dieser Tradition hat Hildegard Hamm-Brücher vor bald fünfzig Jahren diese Stiftung gegründet, die genau dies bezweckt: Demokratie als Lebensform sichtbar zu machen, indem sie Personen, Initiativen, Gruppen der Zivilgesellschaft zusammenbringt und auszeichnet, die sich hierfür verdient gemacht haben. Und dabei war uns eigentlich schon immer bewusst: in gewissem Sinne betreiben auch wir Demokratiepädagogik, denn wie hat es unser diesjähriger Preisträger Wolfgang Edelstein in einem Aufsatz zur Klärung dieses Begriffes formuliert: „Anerkennung, Überzeugung eigener Wirksamkeit und Verantwortungsbereitschaft sind grundlegende Tugenden des zivilgesellschaftlichen Engagements, das der Demokratie als Lebensform ihre Kraft sichert: Überzeugung eigener Wirksamkeit setzt Anerkennung voraus; ohne Überzeugung eigener Wirksamkeit keine Verantwortungsübernahme; Demokratie als Lebensform gründet in der Kooperation sozial verantwortlicher Individuen. Erfahrene Demokratie bildet jenen demokratischen Habitus aus, auf den Demokratie als Gesellschaftsform und Demokratie als Herrschaftsform angewiesen sind."
Demokratie als Lebensform. Beinahe ein Jahrhundert liegt zwischen diesen verschiedenen Formulierungen. Sicherlich mag die Vorstellung demokratischer Lebensform nach dem Zusammenbruch der ständischen Gesellschaft des Kaiserreiches oder nach der moralischen und physischen Zerstörung im Anschluss an die Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur im Detail eine andere gewesen sein, als unsere heutige. Zwischen der Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechts und den heutigen Diskussionen um elektronische Stimmabgabe und Schwarm-Intelligenz, hat sich unsere Demokratie äusserlich ja durchaus verändert und entwickelt. Im Kern bleibt aber in jeder Generation die Sorge darum bestehen dass diese Demokratie von freien Individuen in Verantwortung angenommen und gepflegt wird. „Freies tapferes Menschentum, nicht als Ideologie, sondern als Selbstverständlichkeit der täglichen Erfahrung". Sie bilden, in Anlehnung an das Diktum des Verfassungsrechtlers Böckenförde in ihrer „moralischen Substanz und der Homogenität der Gesellschaft eine der Voraussetzungen, von denen der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt, ohne sie selbst garantieren zu können".
In diesem Sinn ist das Jahresthema unserer diesjährigen Preisverleihung zu verstehen. Mit dem Dreiklang der Begriffe „Bildung - Teilhabe - lebendige Demokratie", möchten wir auf die Bedeutung des Bildungswesens, und besonders der Schule hinweisen, der die besondere Aufgabe und Verantwortung zukommt der jungen Generation, ausserhalb des familiären Rahmens demokratische Lebensform in einer Gemeinschaft zu vermitteln.
„Die (demokratische) Schule ist nicht Selbstzweck für Organisationshuber, sie ist nicht die Unterlage für Standesbewegungen, sie ist das Werkzeug der Menschenbildung. (...) Sie hat weder Gelehrte noch Praktiker zu liefern, sondern Menschen, die nachher die Aufnahmeprüfung in die eigentliche Erziehungsanstalt, in das selbstverantwortliche Leben, bestehen." Aus diesem Zitat des Jahres 1919 lässt sich auch im 21. Jahrhundert herleiten: Wer in einer von Toleranz und Gerechtigkeit geprägten Umgebung aufwächst, die Vielfalt der Lebensstile als Chance und nicht als Bedrohung begreift und zu Solidarität und Verantwortung erzogen wird, hat gute Voraussetzungen, innerhalb der Gesellschaft demokratisch zu agieren und sich beispielgebend in das politische System einzubringen.
Demokratie ist also keine Glücksversicherung: Um sie am Leben zu halten und ihr Gelingen zu fördern, bedarf es wegweisender Impulse von Menschen, die erkannt haben, dass Bildung und Teilhabe für unser gesellschaftliches Zusammenleben unabdingbar sind.
Solche Menschen zeichnen wir heute aus.
sehr geehrte Frau Ministerin Schavan,
sehr geehrte Frau Ministerin Öney,
sehr geehrter Herr Staatssekretär,
lieber Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Abgeordente des Bundestags, sehr geehrte Mitglieder der Landtage und Vertreter der Kommunen, liebe Mitglieder von Vorstand und Kuratorium und Freunde und Förderer der Theodor Heuss Stiftung,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich freue mich sehr, Sie zur heutigen Feierstunde anlässlich der 47. Verleihung des Theodor Heuss Preises hier in Stuttgart willkommen heißen zu dürfen.
An erster Stelle wollte ich nun unseren diesjährigen Preisträger, Prof. Wolfgang Edelstein begrüßen - sie hören den Konjunktiv -, leider musste er seine Teilnahme an der heutigen Veranstaltung kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen. Wir bedauern dies alle sehr und senden ihm von dieser Stelle die besten Gedanken und Genesungswünsche nach Berlin. Ich freue mich aber sehr, dass an seiner Stelle heute seine Ehefrau Prof. Dr. Monika Keller-Edelstein und seine beiden Kinder Anna Lilja und Benjamin Edelstein, alle ebenfalls im Bildungsbereich tätig und versiert, unter uns sind und die die Urkunde stellvertretend in Empfang nehmen werden. Herzlich Willkommen.
Ich begrüße herzlich die Empfänger der Theodor Heuss Medaillen:
den Soziologen und Bildungsforscher Prof. Lothar Krappmann, der sich für das Recht der Kinder auf Bildung und insbesondere für die Rechte von Flüchtlings- und Migrantenkindern einsetzt. Herzlcih Willkommen. Ich begrüße die Vertreter der Anti-Bias-Werkstatt, Katharina Dietrich und Danijela Cenan, einer Initiative, die sich durch ihre vorbildliche, antidiskriminierende Bildungsarbeit hervorhebt. Herzlich Willkommen. Und ich begrüße die Vertreter des Netzwerkes „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", Sanem Kleff und Eberhard Seidel. Herzlich Willkommen auch Ihnen
Und noch ein weiterer Stuhl bleibt leider frei heute Vormittag, Dr. Reinhard Erös, der gemeinsam mit seiner Familie die Initiative Kinderhilfe Afghanistan e.V. gegründet hat und sich seither erfolgreich unter anderem dem Bau und Betreiben von Schulen, Waisenhäusern und Krankenstationen widmet, sah sich offensichtlich kurzfristig außer Stande, die Medaille entgegen zu nehmen. Wir bedauern dies und werden sie ihm in absentia zuerkennen.
Ein herzlicher Gruß und Dank gilt Ihnen Frau Ministerin Schavan, dass Sie sich bereit erklärt haben zur Thematik unserer heutigen Veranstaltung zu sprechen. Wir freuen uns auf Ihren Vortrag.
Im Anschluss an die Ansprache des Preisträgers, die wir als Videobotschaft vermitteln werden, werden Sie, liebe Gesine Schwan, Vorsitzende des Kuratoriums unserer Stiftung eine Podiumsdiskussion mit den Medaillenempfängern führen. Herzlich Willkommen und herzlichen Dank, dass Sie diese Aufgabe übernommen haben.
Und schliesslich darf ich meinen Vorstandskollegen Christian Petry, seit Jahren wichtiger Impuls- und Ideengeber unserer kleinen Stiftung ganz herzlich begrüssen. Vielen Dank, dass Du diesmal den Part des Schlusswortes übernommen hast.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
im Herbst des Jahres 1919 schrieb Theodor Heuss, damals gerade seit kurzer Zeit wieder in Berlin ansässig, an einer kleinen Schrift mit dem Titel „Die neue Demokratie". Sie entstand gewissermassen gleichzeitig während in Versailles die Friedenskonferenzen stattfanden und die Beschlüsse gefasst wurden, die den weiteren Verlauf des Jahrhunderts prägen würden. Das kleine, an eine breite Leserschaft gerichtete Buch sollte nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung mithelfen den Boden zu bereiten und Verständnis für und Zuwendung zur neuen Staatsform schaffen. Es enthielt Ausführungen zu den Quellen der Demokratie, zu Staatsaufbau, Verwaltung, Wirtschaft und auswärtige Politik, und schliesslich ein letztes Kapitel, das eindringlich auf die Notwendigkeit hinwies die Demokratie nicht nur als ein abstraktes Regelwerk der Herrschaftsausübung zu verstehen, sondern als Wertmaxime des täglichen Lebens. Dieses Kapitel trug die Überschrift: Demokratie als Lebensform.
In altertümlich anmutender Diktion formuliert er hier: „Das Problem der Demokratie wird mit der Anerkenntnis der Rechtsformen nicht abgeschlossen. Politisch rechtliche Änderung wird auf die Dauer versagen, wenn nicht ihre Auswirkung von den tiefen, unmittelbaren Lebenskräften des Volkes gespeist wird. In dieser Ebene liegen die Antworten der deutschen Zukunft. Nämlich: in wieweit die Deutschen ihre neuen staatlichen Formen geistig und seelisch ausfüllen?" Er spricht im weiteren von der, wie er es nennt „Eigengesetzlichkeit des Dynamischen, das stärker sei als das Formale", um mit der Feststellung zu schliessen: „Die Demokratie wird dann gefestigt sein, wenn für die Deutschen ein freies und tapferes Menschentum nicht mehr Ideologie, nicht mehr literarische Erfindung geblieben, sondern die Selbstverständlichkeit der täglichen Erfahrung geworden ist."
Demokratie als Lebensform. Das war im Jahr 1919 und meines Wissens das erste Mal dass Heuss diese Formulierung in seinen Schriften gebrauchte. Dreissig Jahre später, nach Scheitern, Diktatur und Wiederbegründung der Demokratie blieb die Formulierung von der „Demokratie als Lebensform" ein von ihm vielfach wiederverwendeter Topos, immer verbunden mit der Sorge um die langfristige, im heutigen Sprachgebrauch nachhaltige Verwurzelung demokratischer Haltung und Gesinnung in unserer Gesellschaft.
In der Fortführung dieser Tradition hat Hildegard Hamm-Brücher vor bald fünfzig Jahren diese Stiftung gegründet, die genau dies bezweckt: Demokratie als Lebensform sichtbar zu machen, indem sie Personen, Initiativen, Gruppen der Zivilgesellschaft zusammenbringt und auszeichnet, die sich hierfür verdient gemacht haben. Und dabei war uns eigentlich schon immer bewusst: in gewissem Sinne betreiben auch wir Demokratiepädagogik, denn wie hat es unser diesjähriger Preisträger Wolfgang Edelstein in einem Aufsatz zur Klärung dieses Begriffes formuliert: „Anerkennung, Überzeugung eigener Wirksamkeit und Verantwortungsbereitschaft sind grundlegende Tugenden des zivilgesellschaftlichen Engagements, das der Demokratie als Lebensform ihre Kraft sichert: Überzeugung eigener Wirksamkeit setzt Anerkennung voraus; ohne Überzeugung eigener Wirksamkeit keine Verantwortungsübernahme; Demokratie als Lebensform gründet in der Kooperation sozial verantwortlicher Individuen. Erfahrene Demokratie bildet jenen demokratischen Habitus aus, auf den Demokratie als Gesellschaftsform und Demokratie als Herrschaftsform angewiesen sind."
Demokratie als Lebensform. Beinahe ein Jahrhundert liegt zwischen diesen verschiedenen Formulierungen. Sicherlich mag die Vorstellung demokratischer Lebensform nach dem Zusammenbruch der ständischen Gesellschaft des Kaiserreiches oder nach der moralischen und physischen Zerstörung im Anschluss an die Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur im Detail eine andere gewesen sein, als unsere heutige. Zwischen der Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechts und den heutigen Diskussionen um elektronische Stimmabgabe und Schwarm-Intelligenz, hat sich unsere Demokratie äusserlich ja durchaus verändert und entwickelt. Im Kern bleibt aber in jeder Generation die Sorge darum bestehen dass diese Demokratie von freien Individuen in Verantwortung angenommen und gepflegt wird. „Freies tapferes Menschentum, nicht als Ideologie, sondern als Selbstverständlichkeit der täglichen Erfahrung". Sie bilden, in Anlehnung an das Diktum des Verfassungsrechtlers Böckenförde in ihrer „moralischen Substanz und der Homogenität der Gesellschaft eine der Voraussetzungen, von denen der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt, ohne sie selbst garantieren zu können".
In diesem Sinn ist das Jahresthema unserer diesjährigen Preisverleihung zu verstehen. Mit dem Dreiklang der Begriffe „Bildung - Teilhabe - lebendige Demokratie", möchten wir auf die Bedeutung des Bildungswesens, und besonders der Schule hinweisen, der die besondere Aufgabe und Verantwortung zukommt der jungen Generation, ausserhalb des familiären Rahmens demokratische Lebensform in einer Gemeinschaft zu vermitteln.
„Die (demokratische) Schule ist nicht Selbstzweck für Organisationshuber, sie ist nicht die Unterlage für Standesbewegungen, sie ist das Werkzeug der Menschenbildung. (...) Sie hat weder Gelehrte noch Praktiker zu liefern, sondern Menschen, die nachher die Aufnahmeprüfung in die eigentliche Erziehungsanstalt, in das selbstverantwortliche Leben, bestehen." Aus diesem Zitat des Jahres 1919 lässt sich auch im 21. Jahrhundert herleiten: Wer in einer von Toleranz und Gerechtigkeit geprägten Umgebung aufwächst, die Vielfalt der Lebensstile als Chance und nicht als Bedrohung begreift und zu Solidarität und Verantwortung erzogen wird, hat gute Voraussetzungen, innerhalb der Gesellschaft demokratisch zu agieren und sich beispielgebend in das politische System einzubringen.
Demokratie ist also keine Glücksversicherung: Um sie am Leben zu halten und ihr Gelingen zu fördern, bedarf es wegweisender Impulse von Menschen, die erkannt haben, dass Bildung und Teilhabe für unser gesellschaftliches Zusammenleben unabdingbar sind.
Solche Menschen zeichnen wir heute aus.
Dank des Preisträgers
Prof. Dr. Wolfgang Edelstein, ehem. Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Prof. Dr. Wolfgang Edelstein, ehem. Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
eine Dankesrede des ehrlich ergriffenen und äußerst dankbaren Preisträgers kann legitimerweise nichts anderes sein als eine Bestätigung Ihres im Jahresthema der Theodor-Heuss-Stiftung zum Ausdruck gebrachten Engagements für Bildung, Teilhabe und lebendige Demokratie und eine Aufforderung zur Beteiligung. Der nachhaltigste und intensivste Dank kann nur eine die Biografie bestimmende Beteiligung daran sein. Ich hoffe zumindest, dass Sie mir eine solche biografisch bestimmte Vorliebe für mein eigenes Engagement an Ihrem Thema nachsehen werden. Ich möchte es in der gebotenen Kürze vor Ihnen nachvollziehen und seine biografischen Wurzeln ebenfalls in aller Kürze darstellen.
Es ist nicht einfach, in einer Viertelstunde den Dank für diese herzerwärmende Ehrung abzustatten und die Gründe darzustellen, die auf den von Ihnen nun so nachhaltig anerkannten Weg geführt haben. Demokratie in Schulen, demokratische Schulen, demokratische Schulkulturen - dies ist kein Luxus. Dass sie notwendig sind, warum sie erforderlich sind, um die Not zu wenden, will ich in aller Kürze darlegen. Da Sie eine Person auszeichnen, unterstelle ich, dass Sie ein Interesse daran haben zu erfahren, wie ich auf einen Lebensweg geraten bin, auf dem Engagement für Demokratie, für eine Sozialisation junger Menschen zu Demokraten, eine den Weg immer stärker bestimmende Kraft entfaltete. Also werde ich zunächst ein paar Gründe für Demokratie in der Schule nennen, dann ein paar Worte zur Entwicklung einer demokratischen Schule sagen und zum Schluss einige Worte zum biografischen Hintergrund finden.
Im Jahr 2005 haben wir, die am BLK-Programm „Demokratie lernen & leben" Verantwortlichen, als Antwort auf das damals durch Verfassungsänderung eingeführte Kooperationsverbot von Bund und Ländern in Bildungsfragen und das damit massiv beeinträchtigte Potential für die Entwicklung einer demokratischen Schule in Deutschland die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik gegründet. Der Rückblick auf diese Zeit zeigt durchaus Erfolge und Fortschritte. Demokratiepädagogik, der Begriff und die Sache, haben pädagogisch, vor allem aber politisch und gesellschaftlich, Anerkennung gefunden, sind Teil des öffentlichen Vokabulars und des professionellen Diskurses geworden. Die DeGeDe ist als Vertreterin des demokratiepädagogischen Anliegens anerkannt, die KMK hat den Vorsitzenden der DeGeDe zum Sachwalter des europäischen Charter for Citizenship and Human Rights Education (EDC/HRE) in Deutschland berufen; die Freie Universität Berlin hat einen Weiterbildungs-Master „Demokratiepädagogische Schulentwicklung und Soziale Kompetenzen" ins Leben gerufen, der Vorbild für weitere Universitäten werden könnte; es gibt Konferenzen, Demokratietage und Tagungen zum Thema unter Teilnahme hochrangiger Vertreter von Öffentlichkeit und Politik; die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft hat dem Thema ihre Jahrestagung 2010 gewidmet. Das Thema steht mittlerweile legitim auf der Agenda der Schulreform, die Politikdidaktik hat ihren Widerstand gegen die Demokratiepädagogik eingestellt, die Bundeszentrale für Politische Bildung das Praxisbuch Demokratiepädagogik in hoher Auflage übernommen, ein Dutzend Veröffentlichungen zum Thema sind erschienen, ein Jahrbuch Demokratiepädagogik ist in Vorbereitung, eine Kampagne zur Einführung des Klassenrats in deutschen Schulen, ein Adolf-Reichwein-Preis für demokratiepädagogisch aktive Schulen sind im Entstehen. Eine positive Entwicklung, ein erfolgreiches Wirken des Thinktanks, des Netzwerks, der Expertise-Agentur DeGeDe.
Doch dies sind bloß erste Schritte auf einem langen und steinigen Weg. Eine Lagebestimmung ist dringlich, um Ziele deutlich zu machen, Probleme zu benennen, Strategien zu entwickeln, Demokratie als Lebensform in der deutschen Gesellschaft zu sichern. Vieles bleibt zu tun, viele Widerstände regen sich gegen demokratische Verhältnisse. Unsere Schulen sind weder systemisch noch institutionell Treibhäuser der Demokratie. Bildungsgerechtigkeit ist ebenso Opfer der fundamentalen Strukturen und Prozesse des Systems wie die kinderrechtlich erforderliche Bedürfnisgerechtigkeit einer Schule vom Kinde aus. Bildungsgerechtigkeit und Bedürfnisgerechtigkeit bleiben die unerfüllten Desiderate einer menschenrechtlich und kinderrechtlich gebotenen Lebensform einer Schule, in der alle Kinder, vielfach schwer verletzt, ihre Kindheit und Jugend verbringen. Der Deutsche Kinder- und Jugend-Report stellt diesen Zuständen ein unverblümtes Zeugnis aus.
Doch es steht nicht nur, wenn auch besonders dringlich, die überragende Bedeutung der Schule für die Zukunft, die demokratische Sozialisation der Kinder und Jugendlichen zur Diskussion. Es geht nicht um Ideale. Es geht um Notwendigkeiten, Gefahrenabwehr, es geht um die Erhaltung der gesellschaftlichen Solidarität, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, auf den wir angewiesen sind. Es geht um eine Kultur der Integration, die das Leben in der Diversität sichert, es geht um den Nährboden des Rechtsextremismus, der unsere Lebensform nicht nur in Frage stellt, sondern akut und zunehmend brutal gefährdet. Es geht um die Zügelung der Gewalt, nicht nur in der Schule, sondern über diese hinaus als gesellschaftlich bedrohlicher Modus der Konfliktaustragung. Es geht um Chancen einer kooperativ strukturierten Entwicklung in einer Kultur wachsender gesellschaftlicher Widersprüche, es geht um das Zusammenwirken von Arm und Reich trotz der ökonomischen Widersprüche und um die Bewahrung sozialer Bindungen, auch in Prozessen der Globalisierung. Wir müssen die Schulen zu Stätten der Demokratie umgestalten, wir müssen in Schulen Demokratie lernen, wir müssen in Schulen lernen, als Demokraten zu leben. Es gibt nur die Schulen, um dies zu leisten. Alle Kinder, alle Jugendlichen gehen über Jahre zur Schule. Nur dort können sie lernen, an demokratischen Verhältnissen teilzuhaben. Ich will hier nicht im Einzelnen die Instrumente und Ressourcen für Demokratielernen beschreiben. Lebensformen erlernen ist anderes und mehr als kognitives, als memoratives Lernen, doch es impliziert erlernbare soziale Kompetenzen, Befähigungen zum Urteilen und Chancen der Verwirklichung vor Ort. Klassenrat, social entrepreneurship, bürgerschaftliches Engagement sind Mittel und Wege. Anerkennung, Selbstwirksamkeit und Verantwortungsübernahme sind Bausteine einer demokratischen Kultur der Schule: immer gefragt, früh gelernt, Basis von Kooperation und Teilhabe, Elemente einer demokratischen Schulkultur.
Die reformpädagogische Schule vom Kinde aus als die entwicklungsgemäße und entwicklungsförderliche Schule geht den Weg einer kollegial kooperativen Entwicklung: den Weg demokratiepädagogischer Schulentwicklung jeder einzelnen Schule wie einstmals die Odenwaldschule, vor einigen Jahren die Max-Brauer-Schule in Hamburg, heute die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Die kollegial geplante Entwicklung der einzelnen Schule wird optimal gefördert in Kooperation und Abstimmung mit anderen, und dies ist möglich, siehe Blick über den Zaun, Quadratkilometer Bildung, in Zukunft vielleicht koordinierte Bildungslandschaften in gegenseitiger funktionaler Abstimmung wie in Nürnberg. Das ist die Zukunft im Heute.
Doch für eine demokratische Schule braucht es demokratiepädagogisch professionalisierte Lehrer, eine andere Lehrerbildung als sie die steuerungsorganisatorisch motivierte Universität heute hervorbringt. Wir brauchen jenseits von den Fächern, jenseits auch von fachdidaktischen Kompetenzen demokratiepädagogisch professionalisierte Lehrer, die anderes und mehr lernen als Universität und Referendariat bieten. Demokratie fordert Kooperation, Kooperation fordert soziale Kompetenzen, alle Pädagogik fordert Einsicht und Verstehen der entwicklungspsychologischen Dynamik sozialer Kompetenzen. Kollegiale Kooperation in der demokratiepädagogischen Schulentwicklung ist ein ebenso grundlegendes wie überfachliches Anliegen: eine neue Kompetenzorientierung der Lehrerbildung wie der Schulentwicklung.
Und wir brauchen zivile Akteure, bürgerschaftliches Engagement, Moderatoren, Berater, Mentoren. Die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik hat hier einiges erreicht, seit sie die sinnlose Verfassungsreform mit Kooperationsverbot von Bund und Ländern in Bildungsfragen zu kompensieren versucht. Sie hat, wie gesagt, einiges erreicht.
Doch die DeGeDe ist als Initiative zivilgesellschaftlich organisierten Engagements angesichts der Organisation der deutschen Stiftungslandschaft extrem ungünstig aufgestellt. Sie hat den Sachverstand, sie hat den Mut, die Qualifikation, doch sie hat kein Geld. Stiftungen fördern Projekte, doch sie fördern keine Organisation. Eine demokratiepädagogische Schulentwicklung, die Entwicklung, Beratung und Unterstützung von Schulen braucht Organisation, um ihre Projekte zu realisieren: die Beratung, die Planung, die Aufklärung, die Fortbildung der Kollegien, die Organisation von Anteilen der Lehrerbildung. Sie kann es nicht, weil trotz Anerkennung und Erfolg nur marginal ist, was sie ohne den Aufbau einer Kampagne, einer Schulreform von unten, an Mitteln, an Unterstützung, an Mitwirkung Engagierter einwerben kann. Daher mein Hilferuf an potentielle Spender, an demokratiepädagogisch interessierte Stiftungen.
Schließlich zu den autobiografischen Notizen, die diese kurze Dankadresse abschließen sollen. Zunächst noch einmal der persönliche Dank. Es ist ein großes, ein herzerwärmendes Glück, in fortgeschrittenem Alter einen Preis zu erhalten, der als Anerkennung für ein Lebenswerk gelten kann. Das war mir gewiss nicht in die Wiege gelegt: ein jüdisches Kind von aus ihren Berufen vertriebenen Eltern, in einer deutschen Volksschule einem prügelnden nationalsozialistischen Lehrer ausgesetzt - also Fremder im eigenen Land. Flüchtling und als Emigrant, also zunächst Fremder auch in einem anderen Land - das freilich den Fremden bald integriert und in eine sozial sensible und aufgeklärte Gesellschaft als Gleichen unter Gleichen adoptierte. So wurde Island meine eigentliche Heimat: der Fremde wurde aufgenommen. Damit wurde die Seele berührt und das Engagement geboren, das mich bis heute antreibt. Im pädagogischen Diskurs heißt das heute Integration, doch gemeint ist soziale Inklusion. Ein Leben als Fremder habe ich danach nicht mehr als Betroffener, sondern aus der Perspektive des Beobachters im damals sehr ausländerkritischen Frankreich geführt, das den ausländischen Studenten zwar großzügig gefördert, doch sozial spürbar ausgegrenzt hat. Im Hintergrund die kolonialen Kriege, Erinnerung an die Deportation, der Sturz von Mendès France durch les officines antisémites, wie es der liberale Le Monde damals beschrieb. Und dann die Odenwaldschule! Vor der beabsichtigten Rückkehr nach Island nach einem pädagogisch irrelevanten Studium eine tentative Rückkehr auf Zeit in das fremde Land einer vergangenen Herkunft, an einen marginalen, aber emigrantenfreundlichen Ort, an eine von befreundeten Emigranten geleitete Schule, deren revolutionäres pädagogisches Konzept wir bereits Jahre zuvor in einer progressiven Zeitschrift in Island vorgestellt hatten. Ich wollte in Vertretung eines erkrankten Lateinlehrers die beruflichen Grundfertigkeiten für eine didaktisch modernisierte Lehrerlaufbahn im Heimatland Island erwerben - weit ab von Gedanken an einen Karrierepfad, der, wie sich heute gegen alle Erwartung zeigt, zu Ruf und Anerkennung führen könnte.
Doch in der nur als marginal, vielleicht sogar als exotisch eingeschätzten Odenwaldschule und lange vor ihrem späteren Debakel geriet ich weniger in eine Praxis didaktischer Modernisierung - das auch - als vielmehr in ein radikal reformpädagogisches Kraftfeld, das fortan mein Leben bestimmen, meine Identität prägen sollte. Das war jene andere Odenwaldschule der 50er und 60er Jahre, die nicht, wie das deutsche Schulsystem heute noch, nach der Eignung von Kindern für das spezielle Milieu einer selektiven Schule sucht, sondern die Eignung der Schule für die Kinder, für alle ihr anbefohlenen Kinder, entwickeln und verbürgen will. Es ist diese ganz andere kinder- und menschenrechtlich aktive Odenwaldschule, das krasse Gegenteil jener unrühmlich ausgebeuteten und pädophil verdorbenen „geschlossenen Gesellschaft" der 70er und 80er Jahre, die uns im letztvergangenen Jahr so bedrückend in den Blick geraten ist, - es ist die reformpädagogisch aktive und diskursdidaktisch bahnbrechende, grundlegend demokratiepädagogisch organisierte Schule, die mein Leben verändert und meine Identität politisch und professionell geprägt hat. Nach dem Schatten der Fremdheit und Marginalisierung die Erfahrung einer mitbestimmenden Zugehörigkeit. Das war der Prototyp einer Schule, die durch Anerkennung des Anderen, durch Selbstwirksamkeit der Subjekte, durch Verantwortungsübernahme für die Gemeinschaft bestimmt wird. Das ist der Kontext, in dem mein Anteil an Bildungsforschung und Bildungsreform seinen Ursprung hat, der Kontext, in den die Wurzeln der Anerkennung zurückreichen, die mir heute durch die Theodor-Heuss-Stiftung zuteil wird. Ihr danke ich von Herzen für die Anerkennung, die sie mir heute gewährt hat, eine Anerkennung, die mich umso mehr gefreut hat, als sie mir gänzlich unerwartet geschenkt wurde: vielen Dank.
eine Dankesrede des ehrlich ergriffenen und äußerst dankbaren Preisträgers kann legitimerweise nichts anderes sein als eine Bestätigung Ihres im Jahresthema der Theodor-Heuss-Stiftung zum Ausdruck gebrachten Engagements für Bildung, Teilhabe und lebendige Demokratie und eine Aufforderung zur Beteiligung. Der nachhaltigste und intensivste Dank kann nur eine die Biografie bestimmende Beteiligung daran sein. Ich hoffe zumindest, dass Sie mir eine solche biografisch bestimmte Vorliebe für mein eigenes Engagement an Ihrem Thema nachsehen werden. Ich möchte es in der gebotenen Kürze vor Ihnen nachvollziehen und seine biografischen Wurzeln ebenfalls in aller Kürze darstellen.
Es ist nicht einfach, in einer Viertelstunde den Dank für diese herzerwärmende Ehrung abzustatten und die Gründe darzustellen, die auf den von Ihnen nun so nachhaltig anerkannten Weg geführt haben. Demokratie in Schulen, demokratische Schulen, demokratische Schulkulturen - dies ist kein Luxus. Dass sie notwendig sind, warum sie erforderlich sind, um die Not zu wenden, will ich in aller Kürze darlegen. Da Sie eine Person auszeichnen, unterstelle ich, dass Sie ein Interesse daran haben zu erfahren, wie ich auf einen Lebensweg geraten bin, auf dem Engagement für Demokratie, für eine Sozialisation junger Menschen zu Demokraten, eine den Weg immer stärker bestimmende Kraft entfaltete. Also werde ich zunächst ein paar Gründe für Demokratie in der Schule nennen, dann ein paar Worte zur Entwicklung einer demokratischen Schule sagen und zum Schluss einige Worte zum biografischen Hintergrund finden.
Im Jahr 2005 haben wir, die am BLK-Programm „Demokratie lernen & leben" Verantwortlichen, als Antwort auf das damals durch Verfassungsänderung eingeführte Kooperationsverbot von Bund und Ländern in Bildungsfragen und das damit massiv beeinträchtigte Potential für die Entwicklung einer demokratischen Schule in Deutschland die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik gegründet. Der Rückblick auf diese Zeit zeigt durchaus Erfolge und Fortschritte. Demokratiepädagogik, der Begriff und die Sache, haben pädagogisch, vor allem aber politisch und gesellschaftlich, Anerkennung gefunden, sind Teil des öffentlichen Vokabulars und des professionellen Diskurses geworden. Die DeGeDe ist als Vertreterin des demokratiepädagogischen Anliegens anerkannt, die KMK hat den Vorsitzenden der DeGeDe zum Sachwalter des europäischen Charter for Citizenship and Human Rights Education (EDC/HRE) in Deutschland berufen; die Freie Universität Berlin hat einen Weiterbildungs-Master „Demokratiepädagogische Schulentwicklung und Soziale Kompetenzen" ins Leben gerufen, der Vorbild für weitere Universitäten werden könnte; es gibt Konferenzen, Demokratietage und Tagungen zum Thema unter Teilnahme hochrangiger Vertreter von Öffentlichkeit und Politik; die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft hat dem Thema ihre Jahrestagung 2010 gewidmet. Das Thema steht mittlerweile legitim auf der Agenda der Schulreform, die Politikdidaktik hat ihren Widerstand gegen die Demokratiepädagogik eingestellt, die Bundeszentrale für Politische Bildung das Praxisbuch Demokratiepädagogik in hoher Auflage übernommen, ein Dutzend Veröffentlichungen zum Thema sind erschienen, ein Jahrbuch Demokratiepädagogik ist in Vorbereitung, eine Kampagne zur Einführung des Klassenrats in deutschen Schulen, ein Adolf-Reichwein-Preis für demokratiepädagogisch aktive Schulen sind im Entstehen. Eine positive Entwicklung, ein erfolgreiches Wirken des Thinktanks, des Netzwerks, der Expertise-Agentur DeGeDe.
Doch dies sind bloß erste Schritte auf einem langen und steinigen Weg. Eine Lagebestimmung ist dringlich, um Ziele deutlich zu machen, Probleme zu benennen, Strategien zu entwickeln, Demokratie als Lebensform in der deutschen Gesellschaft zu sichern. Vieles bleibt zu tun, viele Widerstände regen sich gegen demokratische Verhältnisse. Unsere Schulen sind weder systemisch noch institutionell Treibhäuser der Demokratie. Bildungsgerechtigkeit ist ebenso Opfer der fundamentalen Strukturen und Prozesse des Systems wie die kinderrechtlich erforderliche Bedürfnisgerechtigkeit einer Schule vom Kinde aus. Bildungsgerechtigkeit und Bedürfnisgerechtigkeit bleiben die unerfüllten Desiderate einer menschenrechtlich und kinderrechtlich gebotenen Lebensform einer Schule, in der alle Kinder, vielfach schwer verletzt, ihre Kindheit und Jugend verbringen. Der Deutsche Kinder- und Jugend-Report stellt diesen Zuständen ein unverblümtes Zeugnis aus.
Doch es steht nicht nur, wenn auch besonders dringlich, die überragende Bedeutung der Schule für die Zukunft, die demokratische Sozialisation der Kinder und Jugendlichen zur Diskussion. Es geht nicht um Ideale. Es geht um Notwendigkeiten, Gefahrenabwehr, es geht um die Erhaltung der gesellschaftlichen Solidarität, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, auf den wir angewiesen sind. Es geht um eine Kultur der Integration, die das Leben in der Diversität sichert, es geht um den Nährboden des Rechtsextremismus, der unsere Lebensform nicht nur in Frage stellt, sondern akut und zunehmend brutal gefährdet. Es geht um die Zügelung der Gewalt, nicht nur in der Schule, sondern über diese hinaus als gesellschaftlich bedrohlicher Modus der Konfliktaustragung. Es geht um Chancen einer kooperativ strukturierten Entwicklung in einer Kultur wachsender gesellschaftlicher Widersprüche, es geht um das Zusammenwirken von Arm und Reich trotz der ökonomischen Widersprüche und um die Bewahrung sozialer Bindungen, auch in Prozessen der Globalisierung. Wir müssen die Schulen zu Stätten der Demokratie umgestalten, wir müssen in Schulen Demokratie lernen, wir müssen in Schulen lernen, als Demokraten zu leben. Es gibt nur die Schulen, um dies zu leisten. Alle Kinder, alle Jugendlichen gehen über Jahre zur Schule. Nur dort können sie lernen, an demokratischen Verhältnissen teilzuhaben. Ich will hier nicht im Einzelnen die Instrumente und Ressourcen für Demokratielernen beschreiben. Lebensformen erlernen ist anderes und mehr als kognitives, als memoratives Lernen, doch es impliziert erlernbare soziale Kompetenzen, Befähigungen zum Urteilen und Chancen der Verwirklichung vor Ort. Klassenrat, social entrepreneurship, bürgerschaftliches Engagement sind Mittel und Wege. Anerkennung, Selbstwirksamkeit und Verantwortungsübernahme sind Bausteine einer demokratischen Kultur der Schule: immer gefragt, früh gelernt, Basis von Kooperation und Teilhabe, Elemente einer demokratischen Schulkultur.
Die reformpädagogische Schule vom Kinde aus als die entwicklungsgemäße und entwicklungsförderliche Schule geht den Weg einer kollegial kooperativen Entwicklung: den Weg demokratiepädagogischer Schulentwicklung jeder einzelnen Schule wie einstmals die Odenwaldschule, vor einigen Jahren die Max-Brauer-Schule in Hamburg, heute die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Die kollegial geplante Entwicklung der einzelnen Schule wird optimal gefördert in Kooperation und Abstimmung mit anderen, und dies ist möglich, siehe Blick über den Zaun, Quadratkilometer Bildung, in Zukunft vielleicht koordinierte Bildungslandschaften in gegenseitiger funktionaler Abstimmung wie in Nürnberg. Das ist die Zukunft im Heute.
Doch für eine demokratische Schule braucht es demokratiepädagogisch professionalisierte Lehrer, eine andere Lehrerbildung als sie die steuerungsorganisatorisch motivierte Universität heute hervorbringt. Wir brauchen jenseits von den Fächern, jenseits auch von fachdidaktischen Kompetenzen demokratiepädagogisch professionalisierte Lehrer, die anderes und mehr lernen als Universität und Referendariat bieten. Demokratie fordert Kooperation, Kooperation fordert soziale Kompetenzen, alle Pädagogik fordert Einsicht und Verstehen der entwicklungspsychologischen Dynamik sozialer Kompetenzen. Kollegiale Kooperation in der demokratiepädagogischen Schulentwicklung ist ein ebenso grundlegendes wie überfachliches Anliegen: eine neue Kompetenzorientierung der Lehrerbildung wie der Schulentwicklung.
Und wir brauchen zivile Akteure, bürgerschaftliches Engagement, Moderatoren, Berater, Mentoren. Die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik hat hier einiges erreicht, seit sie die sinnlose Verfassungsreform mit Kooperationsverbot von Bund und Ländern in Bildungsfragen zu kompensieren versucht. Sie hat, wie gesagt, einiges erreicht.
Doch die DeGeDe ist als Initiative zivilgesellschaftlich organisierten Engagements angesichts der Organisation der deutschen Stiftungslandschaft extrem ungünstig aufgestellt. Sie hat den Sachverstand, sie hat den Mut, die Qualifikation, doch sie hat kein Geld. Stiftungen fördern Projekte, doch sie fördern keine Organisation. Eine demokratiepädagogische Schulentwicklung, die Entwicklung, Beratung und Unterstützung von Schulen braucht Organisation, um ihre Projekte zu realisieren: die Beratung, die Planung, die Aufklärung, die Fortbildung der Kollegien, die Organisation von Anteilen der Lehrerbildung. Sie kann es nicht, weil trotz Anerkennung und Erfolg nur marginal ist, was sie ohne den Aufbau einer Kampagne, einer Schulreform von unten, an Mitteln, an Unterstützung, an Mitwirkung Engagierter einwerben kann. Daher mein Hilferuf an potentielle Spender, an demokratiepädagogisch interessierte Stiftungen.
Schließlich zu den autobiografischen Notizen, die diese kurze Dankadresse abschließen sollen. Zunächst noch einmal der persönliche Dank. Es ist ein großes, ein herzerwärmendes Glück, in fortgeschrittenem Alter einen Preis zu erhalten, der als Anerkennung für ein Lebenswerk gelten kann. Das war mir gewiss nicht in die Wiege gelegt: ein jüdisches Kind von aus ihren Berufen vertriebenen Eltern, in einer deutschen Volksschule einem prügelnden nationalsozialistischen Lehrer ausgesetzt - also Fremder im eigenen Land. Flüchtling und als Emigrant, also zunächst Fremder auch in einem anderen Land - das freilich den Fremden bald integriert und in eine sozial sensible und aufgeklärte Gesellschaft als Gleichen unter Gleichen adoptierte. So wurde Island meine eigentliche Heimat: der Fremde wurde aufgenommen. Damit wurde die Seele berührt und das Engagement geboren, das mich bis heute antreibt. Im pädagogischen Diskurs heißt das heute Integration, doch gemeint ist soziale Inklusion. Ein Leben als Fremder habe ich danach nicht mehr als Betroffener, sondern aus der Perspektive des Beobachters im damals sehr ausländerkritischen Frankreich geführt, das den ausländischen Studenten zwar großzügig gefördert, doch sozial spürbar ausgegrenzt hat. Im Hintergrund die kolonialen Kriege, Erinnerung an die Deportation, der Sturz von Mendès France durch les officines antisémites, wie es der liberale Le Monde damals beschrieb. Und dann die Odenwaldschule! Vor der beabsichtigten Rückkehr nach Island nach einem pädagogisch irrelevanten Studium eine tentative Rückkehr auf Zeit in das fremde Land einer vergangenen Herkunft, an einen marginalen, aber emigrantenfreundlichen Ort, an eine von befreundeten Emigranten geleitete Schule, deren revolutionäres pädagogisches Konzept wir bereits Jahre zuvor in einer progressiven Zeitschrift in Island vorgestellt hatten. Ich wollte in Vertretung eines erkrankten Lateinlehrers die beruflichen Grundfertigkeiten für eine didaktisch modernisierte Lehrerlaufbahn im Heimatland Island erwerben - weit ab von Gedanken an einen Karrierepfad, der, wie sich heute gegen alle Erwartung zeigt, zu Ruf und Anerkennung führen könnte.
Doch in der nur als marginal, vielleicht sogar als exotisch eingeschätzten Odenwaldschule und lange vor ihrem späteren Debakel geriet ich weniger in eine Praxis didaktischer Modernisierung - das auch - als vielmehr in ein radikal reformpädagogisches Kraftfeld, das fortan mein Leben bestimmen, meine Identität prägen sollte. Das war jene andere Odenwaldschule der 50er und 60er Jahre, die nicht, wie das deutsche Schulsystem heute noch, nach der Eignung von Kindern für das spezielle Milieu einer selektiven Schule sucht, sondern die Eignung der Schule für die Kinder, für alle ihr anbefohlenen Kinder, entwickeln und verbürgen will. Es ist diese ganz andere kinder- und menschenrechtlich aktive Odenwaldschule, das krasse Gegenteil jener unrühmlich ausgebeuteten und pädophil verdorbenen „geschlossenen Gesellschaft" der 70er und 80er Jahre, die uns im letztvergangenen Jahr so bedrückend in den Blick geraten ist, - es ist die reformpädagogisch aktive und diskursdidaktisch bahnbrechende, grundlegend demokratiepädagogisch organisierte Schule, die mein Leben verändert und meine Identität politisch und professionell geprägt hat. Nach dem Schatten der Fremdheit und Marginalisierung die Erfahrung einer mitbestimmenden Zugehörigkeit. Das war der Prototyp einer Schule, die durch Anerkennung des Anderen, durch Selbstwirksamkeit der Subjekte, durch Verantwortungsübernahme für die Gemeinschaft bestimmt wird. Das ist der Kontext, in dem mein Anteil an Bildungsforschung und Bildungsreform seinen Ursprung hat, der Kontext, in den die Wurzeln der Anerkennung zurückreichen, die mir heute durch die Theodor-Heuss-Stiftung zuteil wird. Ihr danke ich von Herzen für die Anerkennung, die sie mir heute gewährt hat, eine Anerkennung, die mich umso mehr gefreut hat, als sie mir gänzlich unerwartet geschenkt wurde: vielen Dank.
Schlusswort
Christian Petry, Mitglied des Vorstands der Theodor Heussn Stiftung
Christian Petry, Mitglied des Vorstands der Theodor Heussn Stiftung
Zur traditionellen Gestalt dieser Preisverleihung gehört das Schlusswort.
Hier erhält ein Mitglied des Vorstands oder des Kuratoriums der Theodor Heuss Stiftung die Aufgabe, neben den obligaten Dankesworten die gedankliche Ausbeute der beiden Tage noch einmal zu betrachten, vielleicht ein Wort über die weitere Arbeit hinzuzufügen und dann den Themensack zuzubinden.
Wenn ich nur ein Wort zur Beschreibung dessen verwenden dürfte, was wir gestern und heute erörtert und gewürdigt haben, denn würde ich das Wort „demokratische Kultur" verwenden.
Wir haben versucht, uns über Voraussetzungen und Wege zu einer lebendigen demokratischen Kultur zu verständigen und haben uns darauf konzentriert herauszuarbeiten, was Bildung, insbesondere Schule, was Partizipationschancen zu einer solchen Kultur beitragen können.
Die Franzosen definieren Kultur als das, was übrig bleibt, wenn alle Einzelheiten und alle Details der Argumentation vergessen sind. Was also wird übrig bleiben von dem, was wir uns gestern und heute gesagt haben?
Ich nenne sechs Sätze und erläutere sie mit sechs Gedanken, von denen ich mir wünsche, dass sie nicht vergessen werden.
1. Demokratie fällt nicht vom Himmel und entsteht nicht von selbst, sondern muss gelernt werden, an jedem Tag.
Was da gelernt werden muss, wird besonders deutlich, wenn man von den Gefährdungen demokratischer Kultur ausgeht. Was diese stärker als alles andere gefährdet, ist die Vorstellung, dass Menschen prinzipiell nicht gleichwertig sind, dass eine andere Hautfarbe, eine andere Herkunft oder Religion, dass eine Behinderung und vieles andere eine Abwertung anderer Menschen rechtfertigt. Wenn sich eine Ideologie der Ungleichwertigkeit von Menschen dann mit Gewalt verbindet, haben wir es zum Beispiel mit einer rechtsextremistischen Gefährdung demokratischer Kultur zu tun. Es braucht also die gelernte Erfahrung der Gleichwertigkeit von Menschen und die Absage an Gewalt als Ausdruck von Konflikten.
Die Anti Bias Werkstatt und das Projekt Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage zeigen uns Wege, wie dies geschehen kann. Aber es ist empörend und deprimierend, wenn wir hören, dass die kleine Summe fehlt, die helfen würde, dass dieses Projekt seine segensreiche Arbeit auf Bundesebene fortsetzen kann.
2. Demokratie lernt man, indem man sie lebt.
Aggressive Ablehnung demokratischer Umgangsformen erlebt man vor allem bei Jugendlichen, die diese in ihren Familien und in ihren Lebenswelten nicht erfahren haben. Also ist die zentrale Frage, die jede demokratische Gesellschaft beantworten muss, wo und wie Kinder und Jugendliche vertraut gemacht werden können mit dem, was Demokratie an Kompetenzen verlangt.
3. Schule kann Teil des Problems und Teil der Lösung sein, wenn man Wege zu einer lebendigen demokratischen Kultur sucht.
Eine empirische Studie in Thüringer Schulen hat gezeigt, dass Schüler, die von sich sagen, dass sie in der Schule Partizipation erfahren haben, dass sie gehört werden und dass man sich um sie kümmert, auf Befragung Gewalt und die Abwertung anderer Menschen ablehnen. Eine empirische Studie in Brandenburg hat gezeigt, dass Schüler, die mit ihrer Schule negative Erfahrungen verbinden, Gewaltfantasien haben und Ungleichwertigkeit von Menschen betonen. Eine gute Schule kann also eine gute Prävention sein gegen extremistische Gefährdungen demokratischer Kultur. Eine gute Schule ist die Schule der Demokratie. Erstaunlich nur, dass die Demokratiepädagogik noch nicht die organisatorische Förderung erfährt, die sie braucht.
4. Der Blick auf den absoluten Nullpunkt, auf das Elend von Kindern in Kriegs- und Flüchtlingsgebieten, kann helfen, die Möglichkeiten der Schule mit frischen Augen zu sehen.
Für Menschen im Elend ist die Schule, in welch rudimentärer Form auch immer, ein Zeichen der Hoffnung auf die Wiedergeburt von Normalität, auf die Wiedergewinnung von Zukunft. Welch ein Reichtum, die Schule zu haben und sie neu denken zu können. Und welche Hoffnung, wenn man sich vor Augen führt, welche Kraft Bildung für die Gestaltung der Zukunft haben kann.
5. Gesucht wird eine Schule, deren Klima und Lernkultur auf der Verwirklichung der Kinderrechte basiert.
Die Kinderrechte werden in Deutschland meist als Normen verstanden, die Gefahren abwehren sollen: dass Schüler gemobbt, diskriminiert, sexuell missbraucht werden, Gewalt erfahren, in der Entwicklung ihres Selbstbewusstseins und ihrer Stärken geknickt werden. Lothar Krappmann macht darauf aufmerksam, dass Engländer schon sprachlich anders mit solchen Rechten umgehen. „Your are enjoying your rights", sagt man dort. Man erfreut sich seiner Rechte. Unsere Rechtskultur schaut sozusagen auf den Zaun, der den Garten schützt, weniger darauf, was dadurch im Garten wachsen kann. Wolfgang Edelstein und Lothar Krappmann wünschen sich die Unterstützung der Theodor Heuss Stiftung bei dem Versuch, die von Kinderrechten bestimmte Schule so zu beschreiben, dass die Freude daran ansteckend wirkt.
6. Die meisten von uns in der Theodor Heuss Stiftung sind in dem Alter, dass wir unsere Lebensfreuden offline suchen. Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen aber würden wir an vielen Stunden des Tages vermutlich vergnügt und selbstverständlich online finden. Wie alles im Leben, bietet auch das Leben im Internet Gefahren und Chancen: Es gehen einerseits Gefährdungen demokratischer Kultur von dem aus, was Kindern und Jugendlichen im Internet begegnet, sie entdecken andererseits Möglichkeiten der Teilhabe und entdecken, was sie sich alle wünschen - wie sie ihre Einzahl in eine Vielzahl einbringen können. Hier ist offensichtlich ein Thema für die Theodor Heuss Stiftung in der Zukunft.
Ich möchte zum Abschluss dieser Veranstaltung all denen, die zur Vorbereitung und Gestaltung des Kolloquiums gestern und der Preisverleihung heute beigetragen haben, herzlich danken. Ich danke Maximilian Schrairer, den wir gleich noch einmal hören werden, für den musikalischen Rahmen; und Ihnen allen, die Sie zum Teil von weit hier her gekommen sind, danke ich dafür, dass Sie helfen, die Preisverleihung zu einer Gelegenheit zu machen, an der man demokratische Kultur erleben kann.
Ich wünsche Ihnen gute Gespräche beim Empfang gleich nach dem Ende dieser Veranstaltung.
Auf Wiedersehen im nächsten Jahr.
Hier erhält ein Mitglied des Vorstands oder des Kuratoriums der Theodor Heuss Stiftung die Aufgabe, neben den obligaten Dankesworten die gedankliche Ausbeute der beiden Tage noch einmal zu betrachten, vielleicht ein Wort über die weitere Arbeit hinzuzufügen und dann den Themensack zuzubinden.
Wenn ich nur ein Wort zur Beschreibung dessen verwenden dürfte, was wir gestern und heute erörtert und gewürdigt haben, denn würde ich das Wort „demokratische Kultur" verwenden.
Wir haben versucht, uns über Voraussetzungen und Wege zu einer lebendigen demokratischen Kultur zu verständigen und haben uns darauf konzentriert herauszuarbeiten, was Bildung, insbesondere Schule, was Partizipationschancen zu einer solchen Kultur beitragen können.
Die Franzosen definieren Kultur als das, was übrig bleibt, wenn alle Einzelheiten und alle Details der Argumentation vergessen sind. Was also wird übrig bleiben von dem, was wir uns gestern und heute gesagt haben?
Ich nenne sechs Sätze und erläutere sie mit sechs Gedanken, von denen ich mir wünsche, dass sie nicht vergessen werden.
1. Demokratie fällt nicht vom Himmel und entsteht nicht von selbst, sondern muss gelernt werden, an jedem Tag.
Was da gelernt werden muss, wird besonders deutlich, wenn man von den Gefährdungen demokratischer Kultur ausgeht. Was diese stärker als alles andere gefährdet, ist die Vorstellung, dass Menschen prinzipiell nicht gleichwertig sind, dass eine andere Hautfarbe, eine andere Herkunft oder Religion, dass eine Behinderung und vieles andere eine Abwertung anderer Menschen rechtfertigt. Wenn sich eine Ideologie der Ungleichwertigkeit von Menschen dann mit Gewalt verbindet, haben wir es zum Beispiel mit einer rechtsextremistischen Gefährdung demokratischer Kultur zu tun. Es braucht also die gelernte Erfahrung der Gleichwertigkeit von Menschen und die Absage an Gewalt als Ausdruck von Konflikten.
Die Anti Bias Werkstatt und das Projekt Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage zeigen uns Wege, wie dies geschehen kann. Aber es ist empörend und deprimierend, wenn wir hören, dass die kleine Summe fehlt, die helfen würde, dass dieses Projekt seine segensreiche Arbeit auf Bundesebene fortsetzen kann.
2. Demokratie lernt man, indem man sie lebt.
Aggressive Ablehnung demokratischer Umgangsformen erlebt man vor allem bei Jugendlichen, die diese in ihren Familien und in ihren Lebenswelten nicht erfahren haben. Also ist die zentrale Frage, die jede demokratische Gesellschaft beantworten muss, wo und wie Kinder und Jugendliche vertraut gemacht werden können mit dem, was Demokratie an Kompetenzen verlangt.
3. Schule kann Teil des Problems und Teil der Lösung sein, wenn man Wege zu einer lebendigen demokratischen Kultur sucht.
Eine empirische Studie in Thüringer Schulen hat gezeigt, dass Schüler, die von sich sagen, dass sie in der Schule Partizipation erfahren haben, dass sie gehört werden und dass man sich um sie kümmert, auf Befragung Gewalt und die Abwertung anderer Menschen ablehnen. Eine empirische Studie in Brandenburg hat gezeigt, dass Schüler, die mit ihrer Schule negative Erfahrungen verbinden, Gewaltfantasien haben und Ungleichwertigkeit von Menschen betonen. Eine gute Schule kann also eine gute Prävention sein gegen extremistische Gefährdungen demokratischer Kultur. Eine gute Schule ist die Schule der Demokratie. Erstaunlich nur, dass die Demokratiepädagogik noch nicht die organisatorische Förderung erfährt, die sie braucht.
4. Der Blick auf den absoluten Nullpunkt, auf das Elend von Kindern in Kriegs- und Flüchtlingsgebieten, kann helfen, die Möglichkeiten der Schule mit frischen Augen zu sehen.
Für Menschen im Elend ist die Schule, in welch rudimentärer Form auch immer, ein Zeichen der Hoffnung auf die Wiedergeburt von Normalität, auf die Wiedergewinnung von Zukunft. Welch ein Reichtum, die Schule zu haben und sie neu denken zu können. Und welche Hoffnung, wenn man sich vor Augen führt, welche Kraft Bildung für die Gestaltung der Zukunft haben kann.
5. Gesucht wird eine Schule, deren Klima und Lernkultur auf der Verwirklichung der Kinderrechte basiert.
Die Kinderrechte werden in Deutschland meist als Normen verstanden, die Gefahren abwehren sollen: dass Schüler gemobbt, diskriminiert, sexuell missbraucht werden, Gewalt erfahren, in der Entwicklung ihres Selbstbewusstseins und ihrer Stärken geknickt werden. Lothar Krappmann macht darauf aufmerksam, dass Engländer schon sprachlich anders mit solchen Rechten umgehen. „Your are enjoying your rights", sagt man dort. Man erfreut sich seiner Rechte. Unsere Rechtskultur schaut sozusagen auf den Zaun, der den Garten schützt, weniger darauf, was dadurch im Garten wachsen kann. Wolfgang Edelstein und Lothar Krappmann wünschen sich die Unterstützung der Theodor Heuss Stiftung bei dem Versuch, die von Kinderrechten bestimmte Schule so zu beschreiben, dass die Freude daran ansteckend wirkt.
6. Die meisten von uns in der Theodor Heuss Stiftung sind in dem Alter, dass wir unsere Lebensfreuden offline suchen. Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen aber würden wir an vielen Stunden des Tages vermutlich vergnügt und selbstverständlich online finden. Wie alles im Leben, bietet auch das Leben im Internet Gefahren und Chancen: Es gehen einerseits Gefährdungen demokratischer Kultur von dem aus, was Kindern und Jugendlichen im Internet begegnet, sie entdecken andererseits Möglichkeiten der Teilhabe und entdecken, was sie sich alle wünschen - wie sie ihre Einzahl in eine Vielzahl einbringen können. Hier ist offensichtlich ein Thema für die Theodor Heuss Stiftung in der Zukunft.
Ich möchte zum Abschluss dieser Veranstaltung all denen, die zur Vorbereitung und Gestaltung des Kolloquiums gestern und der Preisverleihung heute beigetragen haben, herzlich danken. Ich danke Maximilian Schrairer, den wir gleich noch einmal hören werden, für den musikalischen Rahmen; und Ihnen allen, die Sie zum Teil von weit hier her gekommen sind, danke ich dafür, dass Sie helfen, die Preisverleihung zu einer Gelegenheit zu machen, an der man demokratische Kultur erleben kann.
Ich wünsche Ihnen gute Gespräche beim Empfang gleich nach dem Ende dieser Veranstaltung.
Auf Wiedersehen im nächsten Jahr.
